Dienstag, 19. Juli 2016

Mein Geburtsbericht Teil II

Was ich nun schreibe, ist für mich mit vielen intensiven Gefühlen verbunden. Ich stelle ohne Beschönigung dar, woran ich mich erinnern kann und was ich während der Geburt gefühlt habe. Vorweg möchte ich sagen, dass ich heute sehr dankbar bin für dieses Erlebnis. Trotz der gewaltigen körperlichen Empfindungen und der vielen Momente, in denen ich persönliche Grenzen überwinden musste, war es eine gute Erfahrung. Ein Trauma nimmt wohl jede Frau auf die ein oder andere Art aus ihrer ersten Geburt mit. Aber während ich das hier schreibe, überwiegt das Gefühl des Stolzes und des Friedens, nicht der Verzweiflung, die ich währenddessen oft gespürt habe. Denen, die sich durch meine Schilderungen fragen, ob sie diese Gefühle aushalten können, möchte ich Mut machen. Wenn ich das geschafft habe, kannst du das auch. Es ist unglaublich, was Frau schaffen kann, wenn sie muss. Und vielleicht empfindest du deine Geburt gar nicht als so heftig wie ich. Das hier ist ein individuelles, subjektives Erlebnis. Heute denke ich oft: Ich habe diese Geburt geschafft, was soll da noch kommen und mich umhauen?
 
Zurück im Geburtshaus....
 
...Mein Mann findet es schwer, meine Schmerzen zu sehen, sie aber nicht lindern zu können. Ich denke, dass ich jetzt gerne eine PDA hätte, wenn ich im Krankenhaus wäre. Bereue schon, im Geburtshaus zu sein. Hinter meinem Rücken -das erzählt er mir erst Tage danach- spricht mein Mann die Hebamme auf meine Schmerzen an. Sie sagt:" Ja, das tut ihr jetzt schon sehr weh." Und: "Das ist noch gar nichts. Wir sind erst ganz am Anfang." Wie gut, dass ich nichts von diesem Gespräch mitbekommen habe.... Um 11 Uhr wechseln die Hebammen. Dies ist der einzige Wechsel, den ich mitmachen muss. Die neue Hebamme kenne und mag ich auch. Nach einer langen Zeit untersucht mich die Hebamme und hat schlechte Nachrichten: Der Muttermund ist erst 3cm geöffnet. Für mich bricht in diesem Moment die Welt zusammen. Ich kann nicht mehr und hatte gehofft, es geht bald dem Ende entgegen.

Unglaublich, die Schmerzen waren so intensiv und ich weiß schon nicht mehr, wie sie sich angefühlt haben. Das einzige, was mir als Assoziation noch zu den Schmerzen einfällt, ist "krampfartig". Wie starker Brechreiz im Uterus. Und die Schmerzen strahlen aus, mittlerweile reichen sie vom Kreuz bis in die Knie. In den nächsten Stunden probiere ich alles mögliche aus: Vierfüßlerstand, Seitenlange usw. Das ganze soll meinen Muttermund öffnen, den Prozess vorantreiben. Ich aber tue es nur aus einem einzigen Grund: Ich will die Schmerzen lindern. Ich denke auch nicht an mein Kind. Ich denke nur an die Schmerzen und daran, dass ich sie loswerden will. Ich will das Kind nicht, nicht mehr schwanger sein, nicht mehr gebären. Ich will einfach nur raus aus dieser Situation. Aber das geht nicht. Ich fühle mich verraten vom eigenen Körper. Wie kann er mir diese Schmerzen zumuten! In der Schwangerschaft hat er für mich gearbeitet, mich entspannt und mit positiven Gedanken weichgespült. Nun arbeitet er gegen mich, nur noch für das Baby. Ich zweifle auch an meinem Verstand: Wie konnte ich glauben, das ohne Schmerzmittel oder überhaupt zu schaffen? Nie wieder will ich das durchmachen, nie wieder (Zur Beruhigung: Mittlerweile denke ich schon an ein zweites Kind...).
 
Meine Schmerzen sind mittlerweile sehr groß. Noch schlimmer als die Schmerzen empfinde ich aber meine Kraftlosigkeit. Ich kann nicht richtig mitarbeiten, weil ich zu schlapp bin. Die durchgrübelten Nächte und meine Grippe machen sich wieder bemerkbar. Ich möchte aufgeben, am liebsten einen Kaiserschnitt haben. Soll das doch jemand anders für mich beenden. Ich traue mir nicht zu, das selbst zu schaffen. Das denke ich, aber ich spreche es nicht aus. Habe Angst davor, zusammenzubrechen, zu heulen und dann noch mehr Energie zu verlieren, es dann erst recht nicht mehr zu schaffen. Also schalte ich irgendwo einen Schalter um und atme nur noch von Wehe zu Wehe. In diesen Momenten hilft mir sehr, dass ich Yoga und Achtsamkeit praktiziert habe in den letzten Jahren. Ich konzentriere mich nur auf den Moment. Ich denke, wenn es wirklich kritisch wird, werden die Hebammen mir das schon sagen. Doch niemand sagt etwas. Alle bleiben ruhig. Die Herztöne sind super, es geht weiter im Prozess, wenn auch langsam.

Irgendwann scheucht mich meine Hebamme vom Bett hoch, wo ich mich schon länger versuche auszuruhen. Ich muss auf ihre Anweisung hin breitbeinig durchs Geburtshaus laufen und mich mit den Wehen in die Hocke fallen lassen. Das ist meine persönliche Horror-Stunde. Ich könnte sie umbringen. Meinen Mann schickt sie raus. Wieder sage ich nichts, lasse es geschehen, vertraue auf ihre Erfahrung und bin merkwürdig tapfer. Nach dieser Stunde zittern mir die Knie, ich möchte mich zusammenkringeln und wimmern. Meine Hebamme hat allerdings gute Nachrichten: Durch ihr Programm ist der Muttermund nun auf 8cm geweitet. Ich verzeihe ihr sofort alles. Ich selbst hätte mich weiterhin geschont. Wer weiß, wie lange es dann noch gedauert hätte. 5cm in einer Stunde. Ich bin begeistert und schöpfe neuen Mut.

Mittlerweile muss ich dauernd auf Toilette, der Druck ist schon recht groß. Den Schmerz kann ich aber immer noch nicht zulassen. Großes Problem für mich: ZULASSEN, dass etwas Unangenehmes mit mir geschieht und ich es nicht kontrollieren kann. Niemand kann mir das abnehmen oder mit beibringen, es zu ertragen. Ich habe keine andere Wahl, ich muss jetzt über mich hinaus wachsen.

Dann kommen Wehen, die den Übergang einleiten -heftige Wehen. Ich habe Sodbrennen, auch das noch. Keine Fruchtgetränke oder Früchte während der Geburt! Jedenfalls nicht für mich. Das Problem ist nun, dass ich unten öffnen und loslassen soll, während ich durch das Sodbrennen oben dauernd "zumachen" und halten muss. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und stecke mir den Finger in den Hals. So heftig habe ich mich noch nie übergeben. Danach allerdings geht es besser. Die Wehen kommen stärker und werden effektiver. Was danach geschieht, weiß ich nicht mehr genau. Habe ich mich noch mal ausgeruht oder auf dem Geburtshocker gesessen? Alles verschiebt sich in der Erinnerung, wird ungenau. Zeit spüre ich während des gesamten Prozesses gar nicht.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass meine Hebamme mir mitteilt, der Muttermund sei nun bis auf einen Saum geöffnet. Wie schön! Als sie diesen Saum zurückschiebt, beginnt die Ausleitungsphase. Die Wehen verändern sich erneut und der Schmerz auch. Ich will drücken, nein, ich MUSS. Begleitet von einer Art Urschrei, über den ich mich sehr wundere -wo kommt der her? Völlig unkontrolliert und fremd!- muss ich nach jeder Wehe automatisch nach unten drücken, ob ich will oder nicht. Erst traue ich mich nicht, aktiv mit zuschieben. Habe Angst vor dem, was nun kommt, vor neuen Schmerzen. Die Wehen kommen leider nur noch alle 4 Minuten. Der Kopf rutscht einen cm nach unten im Geburtskanal und einen cm wieder zurück. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich zulassen kann, "es" durch mich hindurch zu schieben. Ich glaube, ich spüre irgendwann die Ungeduld der Hebammen (in der letzten Phase ist noch eine zweite Hebamme dazu gekommen), vielleicht auch den Anflug einer Sorge, ob ich es noch schaffe. Dann spüre ich ihn. Mein Kind stößt sich in mir ab, will raus. Ich frage mich besorgt, ob es nicht doch zu lang für ihn dauert. Die Hebammen fordern mich auf, das Köpfchen zu fühlen, das schon recht weit unten sei. Erst will ich nicht. Dann tue ich es doch und spüre das glitschige, weiche Etwas in mir drin. Vor Erleichterung muss ich schluchzen. Ich weiß, bald ist es wirklich geschafft und ich bin erlöst. Der Wunsch, es zu Ende zu bringen und die Sorge um mein Baby bringen die entscheidende Wende. Ich schiebe nun aktiv mit.

Die allerletzte Hürde ist wieder schwierig für mich. Starkes Brennen und die Angst zu zerreißen. Aber nun gibt es kein Zurück mehr. Ich sammle bei jeder Wehe ein bisschen mehr Mut. Aber dieses "Sammeln" brauche ich. Ich sitze mittlerweile auf einem Geburtshocker. Irgendwie ist der unbequem. Sie bringen mir einen größeren. Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Beim Wechsel auf den größeren Hocker -ich muss dafür aufstehen- übermannt mich eine sehr heftige Wehe. Ich lasse mich nach unten fallen, mein Mann fängt mich auf und setzt mich schnell zusammen mit den Hebammen auf den neuen Hocker. Noch in dieser Wehe tritt der Kopf durch -GROßE ERLEICHTERUNG!!!- und schon flutscht auch der Rest des Körpers mit. Es ist geschafft. Es ist geschafft. Oh mein Gott, endlich ist es geschafft. Mehr als dieses Gefühl gibt es gerade nicht in meinem Körper.Wir haben 19:21 Uhr. Fast genau 24 Stunden nach dem Blasensprung. Das Baby haben die Hebammen aufgefangen. Sie saugen seine Atemwege vom Fruchtwasser frei. Ich blicke kurz auf diesen roten, nassen Körper. Er sieht nicht erschreckend für mich aus, aber fremdartig. Der Kopf ist seltsam in die Länge gezogen durch den Geburtskanal. Ich finde es fremd, was ich da sehe. Aber es lebt. Mehr interessiert mich erst mal nicht. Jede Faser meines Körpers ist erschöpft.
 
Sie legen mich aufs Bett, das schreiende Baby auf meine Brust. Ein kleiner, nackter, warmer Frosch liegt auf meinem müden Körper. Sofort empfinde ich Zärtlichkeit für ihn. Ich erinnere mich an einen Geburtsbericht aus dem Vorbereitungskurs und daran, was die Frau nach der Geburt zu ihrem Baby gesagt hat. Ich weiß nicht genau, warum -vielleicht bin ich zu k.o. um eigene Worte zu finden oder ich empfinde in dem Moment das gleiche wie sie- jedenfalls wiederhole ich einfach ihre Worte:" Das war anstrengend, nicht wahr?! War DAS anstrengend!" Eine lange Weile liege ich mit meinem Mann und dem schreienden Baby im Bett. Ich weiß nicht, wie lange. Irgendwann ist die Nabelschnur auspulsiert. Es war uns wichtig, dass die Plazenta ihre Arbeit von alleine aufgeben darf und die Nabelschnur nicht vorzeitig durchtrennt wird. Die Nachgeburt rutscht mit einer leichten Wehe von alleine aus meinem Körper heraus. Erst dann trennt mein Mann die Verbindung zwischen meinem und dem Körper des Kindes durch. Schade, denke ich. Aber für richtige Wehmut bin ich zu müde.
Mein Sohn wird gewogen und gemessen während mich die Hebamme untersucht. Ich jammere bei jeder Berührung. Sie stellt fest, dass ich keinerlei Verletzungen habe. Bin ich froh! So froh! Vor einem Dammriss hatte ich die meiste Angst. Später sagt sie, dass mein Körper genau die Zeit hatte, die er brauchte, um sich dem Kind entsprechend zu dehnen.
 
Irgendwann lassen die Hebammen uns alleine, mein Mann geht telefonieren und die gute Nachricht verkünden. Ich bin das erste Mal allein mit meinem Neugeborenen. Es schreit und schreit und schreit. Ein Impuls in mir will ihn beruhigen. Aber ich bin sehr erschöpft. Was noch gerade so geht, ist singen. Also singe ich leise und müde ein Mantra aus dem Kundalini Yoga, das ich in den letzten Wochen täglich unter der Dusche geträllert habe. Adi Shakti, adi shakti, adi shakti, namo namo.... Und da passiert es. Mein Sohn hört schlagartig auf zu schreien. Seine Gesichtszüge entspannen sich, seine Augen öffnen sich. Er hebt das kleine Köpfchen und blickt mir tief in die Augen. Große, schwarze, wunderschöne Äuglein blicken mich im Dämmerlicht des Zimmers an. Ein magischer Moment. Ein ruhiger Moment nach all dieser Anstrengung. Ja, gefühlt bleibt die Zeit stehen. Er erkennt vielleicht die Melodie, vielleicht meine Stimme, und sieht zum ersten Mal mein Gesicht. Ich bin so erschöpft, dass mir leider währenddessen immer wieder die Augen zufallen. Aber ich bin sehr, sehr dankbar für diesen ersten gemeinsamen Moment.
 
Nach zwei Stunden fahren wir nach Hause und es beginnt ein neuer Abschnitt meines Lebens.



Kommentare:

  1. Ich danke dir für deinen ehrlichen Bericht und wünsche dir, dass du dich immer mit Freude an diese Zeit erinnern kannst :)

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  2. Liebe Maren, ganz herzlichen Dank für diesen ausführlichen, berührenden Bericht! Es tut so gut, etwas über dieses essentielle Thema zu lesen, ganz abseits von rosarot und babyblau. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht, und wünsche auch von ganzem Herzen das Allerbeste!

    Liebe Grüße,
    Miri

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